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Digitalisierung falsch gemacht, unseren Kindern und der Wirtschaft Chancen nehmen

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Wenn ich in den (vertrauenswürdigen) Medien die Debatten und gesetzlichen Regelungen zu den Themen Bildung und Digitalisierung verfolge, gewinne ich den Eindruck, dass wir in Europa mehr und mehr die Chance verlieren, in Zukunft eine Rolle zu spielen.

Nicht nur, dass wir die Bildungsthemen auf falsch verstandene oder falsch eingesetzte technische Ausstattungen reduzieren, wir lassen uns offenbar von den Lobbyisten der Großkonzerne unsere Politiker einlullen, anstatt dass wir nachhaltige Lösungen für uns und unsere Kinder anstreben.

#Graz ist neuer Technologiepartner von #Microsoft, um die Strategie zur #Digitalisierung am Bildungssektor umzusetzen: https://t.co/jbxI4odulf #Bildung #Graz

Foto: Microsoft pic.twitter.com/LLrhiYdpu1

— Stadt Graz (@GrazStadt) December 14, 2018

Dabei gäbe es doch so viele gute Möglichkeiten, die wir nur aufgreifen müssten.

Anstatt jährlich Milliarden an Lizenzkosten für geschlossene Software aus den USA in die USA zu überweisen, könnte Europa das vorhandene Universum aus freier Software nutzen. Mit freier Software investiert man in Know-How und Dienstleistungen rund um Software anstatt fertig verpackte Standardpakete ohne groß zu hinterfragen einzusetzen.

Für den geneigten Leser wage ich an dieser Stelle einen Gleichnis. Es ist ein Gleichnis zwischen der realen Welt und der IT, was nicht immer so gut gelingen mag. Jedoch habe ich die Befürchtung, dass normale Menschen ohne IT Hintergrundwissen nicht nachvollziehen können, was hier das zu Himmel schreiende Problem ist.

Seltsame Entscheidungen

Man stelle sich vor, es gibt Autos am Markt, die kann man nur mit verschweißter Motorhaube kaufen. Sie sind teurer als normale Autos, schauen aber oft auch schnittiger aus. Besitzer solcher Autos müssen bei jedem Problem zum Hersteller fahren, da normale Automechaniker nichts reparieren können. Schließlich sind die Motorhauben ja verschweißt.

Ich selber würde mir nie so ein Auto kaufen. Nicht, weil ich selber Automechaniker wäre, der gerne in Motorräumen herumschraubt. Ganz im Gegenteil. Ich habe keine Ahnung von Autos und möchte es auch so belassen. Ich will nur, dass das Ding mich von A nach B bringt. Nichts weiter.

Der Grund, weshalb ich niemals so ein Auto kaufen möchte ist, weil ich sogar um weniger Geld ein Auto bekomme, mit dem ich zu einer Werkstatt meiner Wahl fahren kann, damit sich dort jemand um mein Gefährt kümmert. Natürlich kann ich mit dieser Strategie auch einfahren. Es gibt schließlich auch schlechte Werkstätten mit nicht so gut ausgebildeten Mechanikern. Doch die Wahl der Werkstatt kann ich jederzeit überdenken und zu einer vielversprechenderen wechseln.

Sie werden mir vermutlich recht geben, dass meine Entscheidung, keines dieser verschweißten Autos zu kaufen, eine nachvollziehbare gute Idee ist. Wer möchte sich denn von einem einzigen Hersteller dermaßen abhängig machen lassen und zudem noch mehr dafür zahlen?

Nun, es ist überraschend, dass die meisten Menschen diese verschweißten Autos kaufen. Natürlich nicht in der realen Welt.

Hier kommt nun die Auflösung, warum ich dieses Gleichnis konstruiert habe. Die verschweißten Autos kann man mit geschlossener oder proprietärer Software vergleichen. Diese auch Closed Source Software genannten Produkte aus dem Hause Microsoft, Apple, Adobe und sehr vielen anderen Firmen werden teuer gekauft. Man kann keinen technisch gebildeten Menschen in diese Software "hineinschauen" lassen, um ein Problem näher zu analysieren. Bei Problemen bleibt einem nur der kostenpflichtige Support dieser Firmen, wo erfahrungsgemäß nur sehr triviale Probleme wirklich zu Lösungen führen.

Die nicht verschweißten Autos vergleiche ich hier mit offener, freier Software. Diese (Free and) Open Source Software (FOSS) ist meistens günstiger oder sogar gratis zu haben. Für Problemfälle kann man sich eine beliebige Firma in der Region suchen, die jedes Verhalten durch Einsicht in den öffentlichen Source-Code der Software nachvollziehen kann. Diese Möglichkeit der Einsicht in das Innere einer Software vergleiche ich also mit dem Öffnen einer Motorhaube eines Fahrzeuges. Selbst wenn ich selber keine Ahnung von Motoren habe, so möchte ich doch einen Experten meiner Wahl in mein Auto schauen lassen können.

Unsere Chance

Freie Software hat sehr viele Vorteile für unsere Wirtschaft. Um das selbe Geld, das ich bei proprietärer Software an den Hersteller im Ausland überweise, kann ich mir eine befähigte IT-Abteilung oder eine heimische Firma leisten, die mir rasch und kompetent mein IT-Leben vereinfachen können. Ich investiere daher nicht in die USA, sondern in das Wissen in meine Mitarbeiter oder in das Wissen der regionalen Firma.

Heimische Firmen können damit den Standort festigen und durch geeignete Kombination von vorhandenen freien Softwarelösungen ganz neue, kreative Lösungen für auftretende Probleme finden. Anstatt dem "take it or leave it"-Ansatz, den man für geschlossene Software bekommt, kann ich freie Software-Bausteine und angeeignetes Wissen zu ganz neuen, kreativen Lösungen verknüpfen. Der Vorteil liegt dabei nicht am Besitz einer Software, sondern am Besitz von Wissen, das ich nicht nur ohne Verlust anhäufen, sondern auch vermehren kann. Das bindet auch Mitarbeiter viel besser.

Ganz nebenbei kann man bei freier Software im Gegensatz zu proprietärer Software, wo man nur sogenannte Black Box Tests von außen machen kann, auch Qualitäten wie "Sicherheit" tatsächlich kontrollieren und gemeinschaftlich mit dem universitären Bereich verbessern.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir in Europa mit Konzentration auf unser Wissen und unsere Wettbewerbsfähigkeit viel besser für die Zukunft aufgestellt sind, als mit teuren Lizenzen von amerikanischen Firmen, die uns weder die heimische Wirtschaft, noch die Ausbildung der Kinder, noch den Aufbau von Wissen fördern. Ganz im Gegenteil.

Die Wertschöpfung passiert dann bei uns und nicht in den USA. Unsere Firmen werden weniger abhängig von ausländischer Software. Wir bekommen viel mehr Möglichkeiten, uns selbst zu helfen und kreative Lösungen zu entwickeln.

Sorgen wir dafür, dass unsere Politiker nicht von Lobbyisten gesteuert oder gar bezahlt werden. Sorgen wir dafür, dass wir keine rückschrittliche Entscheidungen fällen. Befreien wir uns von dem Diktat von Software-Firmen, auf die wir keinen Einfluss haben.

Bringt mehr freie Software in die Schulen, damit unsere Kinder ihre natürliche Neugierde in das Verstehen investieren und nicht in das stupide Auswendiglernen von Funktionen in Software, in die ich bei aufkeimenden Interesse nicht hineinschauen kann.

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