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Das große Eszett

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Update 2017-07-10: Apples Absage

Es gibt Neuigkeiten in der deutschen Schrift-Sprache, verkündet vom Rat für deutsche Rechtschreibung. Neben dem Unzulässigerklären von horrenden Sprachhässlichkeiten wie »Anschovis«, »Ketschup«, »Grislibär«, »Joga«, »Varietee« oder »Wandalismus« haben wir nun dem scharfen ß einen großen Bruder geschenkt: das große Eszett.

Gründe

Die Medien berichteten. Auch der ORF brachte einen Beitrag zum Thema. Hier wurde als Begründung folgendes angegeben:

Vor allem für die korrekte Schreibung von Eigennamen in Pässen und Ausweisen sei das wichtig, teilte der Rat am Donnerstag in Mannheim mit. Bisher hatten zum Beispiel Menschen mit dem Nachnamen Oßner ein Problem: Wenn in einem Ausweisdokument wegen der Großschreibung der Buchstaben anstelle des ß ein Doppel-s steht, bleibt unklar, ob sie „Ossner“ oder „Oßner“ heißen.

Ich halte die Notwendigkeit als auch die genannte Begründung als extrem fragwürdig.

Wenn ein Computersystem einen Namen nur in Großbuchstaben aufnehmen kann, dann wird das selbe Computersystem wohl sowieso nur das große Alphabet verarbeiten können. Das große Eszett wird hier also keine Änderung bringen können.

Weiters schreibt der ORF-Beitrag:

Neben der Eindeutigkeit der Schreibung von Namen gab es noch einen weiteren Grund für die Entscheidung: Denn die Sprachexperten beobachten auch einen generellen Trend zur Schreibweise in Großbuchstaben. Ein wenig ist wohl die Werbebranche schuld: Dort ist die Verwendung von Versalien zunehmend verbreitet, um somit mehr Aufmerksamkeit zu erzielen.

Aha. Wir ändern also unserer Schriftsprache, damit wir optisch plärrende Plakate besser gestalten können. Das halte ich für eine fragwürdige Entscheidung.

Was sagen die Experten?

In der Wissenschaft gibt es zu diesem Thema gemischte Resultate:

Ich persönlich halte die GROSSSCHREIBUNG für einen großen Fehler. Es sorgt im Fließtext für ein unruhiges Bild und längere Passagen lassen sich meiner Meinung nach schlechter lesen. In meiner Dissertation habe ich beispielsweise aus diesem Grund Akronyme in Kapitälchen gesetzt. Wenn ich in CSS etwas besser werde, überlege ich mir, das auch auf meinem Blog umzusetzen. Doch hier ist die Geschichte etwas komplexer.

Auch im Wikipedia-Artikel kommt leise Kritik auf:

Aus typographischer Sicht wird hier die Unausgewogenheit des Schriftbildes kritisiert, da sich die Formen der Groß- und Kleinbuchstaben der verwendeten Schrift in der Regel in Breite, Höhe und Strichdicke unterscheiden.

Dem kann ich mich nur anschließen. Die Komplexität des »neuen« Buchstabens »ẞ« ist eine gänzlich andere als die restlichen von A bis Z. Dieser Fremdkörper lenkt beim Lesen nicht nur das Unterbewusstsein ab (schlimm genug!), sondern beleidigt zumindest bei mir schon das normale Bewusstsein. Das führt dazu, dass man den Inhalt beim Lesen deutlich weniger gut aufnehmen kann. Hierzu gibt es sehr gute Studien.

Beispiele zum Vergleich:

Auch Apple verkündete, dass sie das große Eszett ignorieren werden:

OHA.

Apple erteilt dem großen scharfen ß eine Abfuhr.
Wird NICHT in System-Font aufgenommen sondern als zwei "ss" dargestellt. pic.twitter.com/KnFtvGO0xS

— Fabian Pimminger (@i_am_fabs) July 7, 2017

Wie tippt man ein großes Eszett?

Möchte man ein großes Eszett tippen, so braucht es hier mehrere Faktoren, die passen müssen. Der Unicode-Standard besitzt bereits das große Eszett. Jedoch hat nicht jede Schrift ein »ẞ« mit dabei.

Im günstigsten Fall tippt man das »ẞ« auf einer deutschen Tastatur mit dem normalen kleinen Eszett in Kombination mit der Großschreibtaste (Shift).

Im Emacs kann ich ein »ẞ« mittels Unicode-Eingabe tippen:

 M-x insert-char LATIN CAPITAL LETTER SHARP S	  

Wenn ich es öfters verwenden sollte, würde ich allerdings lieber mein char-menu um diesen Buchstaben erweitern.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat auch noch zur Beruhigung der Gemüter die Schreibung mit „SS“ für „ẞ“ weiterhin erlaubt.

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