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WaveEx: Dreister Betrug mit Gesundheitsangst

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Zur Abwechslung mal wieder etwas Lustiges. Etwas lang, aber gerade für Techniker ein Leckerbissen, wie ich meine.

Als ich vor ein paar Wochen in Kino war, lief da ein interessantes Video-Clip in Dauerschleife auf einem Werbe-Screen. Das beworbene Produkt heißt WAVEEX (ja, leider auch noch in Großbuchstaben). Im Video wurde auf die Angst angespielt, die ein jeder Handy-Vieltelefonerer kennt: die Strahlung. Besonders die »elektrohypersensiblen« Menschen werden adressiert.

Doch gottseidank gibt es ja WAVEEX, wo man durch simples Aufkleben eines »Chips« die böse Strahlung in eine »verträgliche Strahlung« umwandelt.

Schauen wir uns die Sache mal genauer an ...

So ein »Chip« kostet rund 25 Euro und muss einfach nur auf ein elektronisches Gerät geklebt werden. Pro Gerät ein »Chip«. Dabei ist offenbar gar nicht so wichtig, wo man den »Chip« aufklebt.

Nun ja, für jeden auch nur mit Halbwissen bestückten Techniker ist das klarerweise Humbug. Hier wird mit der Angst der technisch Ungebildeten Geld gemacht. Eine eindeutige Abzocke, Betrug, Homöopathie, Placebo, wie auch immer man dazu sagen möchte.

Wie auch schon bei vergleichbaren Dingen ist es offenbar trotzdem legal, damit Geld zu machen, solange man nicht extra verurteilt wird. Deshalb bleibt hier als letzte Bastion der gute alte Hausverstand, der bei einem zu großen Teil der Bevölkerung von der Strahlenangst ausgeschaltet wird. Das ist deren Kundschaft.

TL;DR: Finger weg von WAVEEX: es hat durch Abschirmung maximal einen schlechten Einfluß auf die Handystrahlung, da das Handy noch mehr strahlen muss, um durch den Chip zu kommen. Damit wird man nur um sein Geld betrogen.

Die Wissenschaft muss herhalten

Das für mich Erstaunliche ist bei WAVEEX, dass es mit »wissenschaftlich bewiesen« angepriesen wird. Als gelernter Wissenschaftler kann man dem ja mal nachgehen. Die Wissenschaft schafft objektive Ergebnisse.

Auf der Webseite gibt es einen eigenen Bereich, der sich mit den Beweisen in Form von Studien und Gutachten beschäftigt.

Nun mal der Reihe nach.

Grundlagenstudie

PD, Dr.rer.nat. C.Bärtels, Mettmann machte eine Publikation namens »Einfluss elektromagnetischer Strahlung auf menschliches Gewebe unter besonderer Berücksichtigung der Wirkung von Magnetfeldgradienten«.

Auf Seite acht wird schon mal Wikipedia als zulässige Zitierquelle definiert, da sie den aktuellen Stand aus Wissenschaft und Technik repräsentiert und immer von mehreren Autoren geprüft wird. Nun das ist schlicht unwissenschaftlich und ein Blödsinn. Jeder kann alles in jeden Artikel schreiben und es ist oft nur Zufall, dass ein gut gemachter Betrug auf Wikipedia durch freiwillige Prüfer auffliegt.

Seite zehn ist typisch für solche «Studien»: 30000 Hertz sind laut der Studie 3kHz (anstatt 30kHz). Diese besorgniserregende Sorgfalt bei solchen Dingen ist typisch: Bei erstzunehmenden Publikationen gibt es meisten Autoren und Reviewer, wo solche Schlampigkeitsfehler sofort auffallen und sie es deshalb nie in das fertige Werk schaffen.

Das weitere Paper ist eine seltsame Kombination aus Glossar und Meta-Studie. Zu Buchstaben des Alphabets werden irgendwelche Quellen (natürlich inklusive Wikipedia) kurz zitiert.

Erstaunlich ist die Argumentation des Autors, dass Asbest als schädlich bekannt wurde und es durch das späte Verbot einen enormen »Volksschaden« verursachte. Die Verbindung zum Elektromagnetischen konnte ich nicht nachvollziehen.

Laut WAVEEX-Webseite soll die Studie die Wirkungsweise von WAVEEX beschreiben. Doch weder WAVEEX oder sonst ein »Abwehrchip« sind Teil der Studie. Aus meiner Sicht zitiert die Studie nur andere Studien, die irgendwelche Einflüsse von Elektromagnetismus (und Asbest) auf den menschlichen Körper untersuchen. Das war's auch schon. Also keineswegs ein Beweis irgendeiner Wirkungsweise. Nicht einmal ein daherfantasierter.

Dunkelfeldbetrachtung

Der Wasserspezialist Bernd Bruns vom Institut für Naturheilkunde Wiesbaden schrieb »Das Feststellen der Auswirkungen beim Mobil-Telefonieren unter Verwendung des Wave Ex Mobilfunk-Chips im menschlichen Blut. (Dunkelfeldbetrachtung).«

Vielleicht liegt es ja an meiner Unfähigkeit aber ich konnte kein solches Institut in Wiesbaden finden. Maximal das »Institut für Naturheilkunde u. Kommunikation e.V.« in Kaiserslautern. Immerhin ein anderer Name und gut hundert Kilometer entfernt. Naja.

Bernd Bruns schafft es, 41 Seiten in Word in fetter Schrift zu setzen. Nicht nur diese Eigenheit lässt beim Lesen den Hobby-Typograf in mir einen quälenden Tod sterben.

Die »Prüfpersonen« müssen mindestens (nicht genau?) zwölf Stunden nüchtern sein, damit alle Eiweiße vom Essen und Trinken nicht mehr im Körper sind. Ich bin Techniker und kein Mediziner. Jedoch zweifle ich stark, dass alle zugeführten Eiweiße schon nach zwölf Stunden aus meinem Körper draußen sind.

Der Autor nennt einen Bericht, wonach Handymasten während Untersuchungen abgeschaltet werden. Natürlich ohne Zitat oder nähere Quellenangaben. Mit unmotivierten Einwürfen wie diesem sieht man, dass es nicht weit her ist mit der Objektivität des Studienautors.

Es werden Versuchsreihen mit verschiedenen Handys und verschiedenen »Prüfpersonen« durchgeführt. Keine Auflistung der Geräte, keine Beschreibung der »Prüfpersonen«. Man weiß nicht mal, wie viele Frauen und wie viele Männer dabei waren. Anfängerfehler.

Ab Seite zehn wird's lustig: ASCII-Art-Diagramme. Allerdings mit einer Proportionalschrift. Alle Achtung, der Autor ist hard-core im Nehmen.

Ab Seite achzehn gibt's x-y-Diagramme in ASCII-Art. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich bewundere des Autors Geduld mit Word.

Die optische Analyse kann man wohl als Kaffeesudlesen interpretieren. Selten so gestaunt. Dazwischen wird mal auf Handys, mal auf Handymasten gewettert - ohne groß dazwischen zu unterscheiden. Hat auch nix mit dem Studientitel zu tun.

Ein älterer Herr, der ziemlich unwissenschaftlich dahinwurschtelt. Nicht überzeugend, kein Beweis. Aber lustig zum Lesen.

WLAN-Router Zertifikat

Leider kann ich hier unmöglich alle Studien zerlegen. Deshalb komme ich gleich mal zu meinem Liebling, dem absoluten Höhepunkt: das WLAN-Router Zertifikat, was auch immer das sein soll. Der sperrige Titel ist »Gutachterliche Beurteilung und Zertifikat zur magnetfeldausgleichenden Wirkung des Produktes "WAVEEX" der Fa. Vital-Energy in Bezug auf W-LAN-Router«.

Doschauher, ein Gutachter. Der muss ja was zustandebringen, der wird von Gerichten offenbar ab und zu für Arbeiten bezahlt. Sein Name ist Mag. Dr. Walter Hannes Medinger. Das Internet ist voll von Berichten über ihn. Der ist bekannt. Willst du ein Placebo-Produkt verkaufen, wende dich an Mag. Dr. Walter Hannes Medinger.

Ein ebenfalls grob fahrlässiges Werk, was die Typografie betrifft.

Ein D-Link Di-524 wird untersucht. Das sieht man gut auf dem Foto der Rückseite, wo das Typenschild klebt. Dass der gute Herr damit auch gleichzeitig das abgedruckte Passwort vom Admin-Zugang veröffentlicht übersehe ich hier mal geflissentlich. Stümper.

Es wird ziemlich viel mit Begriffen wie »feinstoffliches Feld«, Vektoren, A-Felder und so weiter herumgeworfen. Ich behaupte, dass das alles pseudowissenschaftlicher Schwachsinn ist. Der Mann hat keine Ahnung von tatsächlicher Technik. Die Fotos des Messaufbaus sind an der Grenze zur Satire - da kann man nichts davon ablesen. Der Aufbau steht in einem Wohnzimmer. Kein Labor mit kontrollierten Bedingungen.

Seite sechs, Abbildung vier ist mein Liebling: Wenn man die Abstrahlung eines WLAN-Routers messen oder beeinflussen möchte, so wird man sich üblicherweise die WLAN-Antennen vom Router näher ansehen. Nicht so diese »Studie«. Die haben doch tatsächlich den WAVEEX-Aufkleber auf das Netzteil des Routers geklebt. Das Netzteil. Allen ernstes. Ein Leckerbissen der besonderen Art. Facepalm und Fremdschämen in Einem.

Die Berechnung der statistischen Signifikanz ist ein schlechter Witz. Gar nicht lesen, das tut schicht weh.

In dieser Machart geht es weiter. Keine Angabe der Handy-Daten (Hersteller, Modelle, Varianten, Betriebsmodus, ...), keine Angaben zu dem Messungen (Anzahl, Dauer, ...), keine Varianz der Geräte (mehrere WLAN-Router, mehrere Handys) kein neutraler Messaufbau erkennbar, keine objektiven Aussagen aber dafür jede Menge pseudowissenschaftlicher Polemik mit für die Studie nicht relevanten Seitenhieben auf quasi alles was strahlt.

Wenn Mag. Dr. Walter Hannes Medinger wirklich vor Gericht technische Gutachten macht, dann ist das ein Skandal für sich. Solch grobes Unverständnis grundlegender technischer Dinge bekommt man selten dermaßen prominent demonstriert.

Fazit

Das Wunderding WAVEEX ist offenbar auch unter »Gabriel-Chip« bekannt. Hierzu fand ich diesen Beitrag.

Handystrahlung ist durchaus ein Thema. Doch niemand hat jemals einwandfrei die Gesundheitsgefährdung beweisen können, noch konnte gezeigt werden, dass diese Strahlung harmlos ist. Das ist einfach leider noch eine offene Frage. Mal zeigt eine ordentlich durchgeführte Studie eher die eine Tendenz, mal die andere.

Wer Angst vor Handystrahlung hat, der soll beim Telefonieren das Handy möglichst nur mit einem Bluetooth-Headset verwenden. Bluetooth verursacht keine nennenswerte Strahlenbelastung und mit dem Headset kann das strahlende Handy ein paar Meter weiter liegen, was durchaus unbedenklich ist. Das Handy mit Alu oder irgendwas sonst abdecken ist kontraproduktiv: damit verursacht das Handy nur noch mehr Strahlen, weil es schwieriger ist, den Kontakt zum Netz zu halten.

Nebenbei noch erwähnt: Strahlensensible Personen sollten dafür sorgen, dass möglichst viele Hausdächer einen Handymasten bekommen. Die Masten strahlen nicht wirklich viel. Die sind weit genug weg und haben stattdessen große Antennen. Die im Gegensatz dazu heftig strahlenden Handys haben mit vielen erreichbaren Handymasten weniger Mühe (und Strahlung), den nächstgelegenen Masten zu erreichen.

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