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Die Grazer Linuxtage und ihr unglücklicher Name

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Das ist ein offener Brief an das Team der Grazer Linuxtage (GLT), mit denen ich seit vielen Jahren verbunden bin. Ich war auch schon selbst ein paar Jahre im Kern-Organisationsteam und halte auch regelmäßig selbst Vorträge. Deshalb verfalle ich oft in ein "wir", wenn ich von den Grazer Linuxtagen spreche. Derzeit bin ich kein Kern-Orga-Mitglied.

Dieser Beitrag erschien auch in der lokalen Newsgroup-Hierarchie der TU Graz, wo sich ebenfalls eine Diskussion entwickelte.

Die Grazer Linuxtage haben ein Problem. Es ist kein Problem, das einem sofort ins Gesicht springt - es ist eher ein subtiles Problem.

Dieses Problem haben mehrere Leute schon seit etlichen Jahren angesprochen aber aus diversen Gründen gleich wieder vom der Hand gewiesen.

Ich bin der Meinung, dass die Grazer Linuxtage sich diesem Problem endlich adäquat stellen sollen: dieser (mittlerweile) grundfalsche Name.

Ja, das ist provokant. Ist mir durchaus bewusst. Und genau deswegen muss ich in diesem Email etwas weiter ausholen, um meine Argumente zu untermauern. Ich hoffe, du nimmst dir dafür ein paar Minuten Zeit.

Mit den "Grazer Linuxtagen" verbindet die große Mehrheit keinesfalls das, was dieses großartige Event ist: ein Austausch-Event zu Themen wie freier Software, Privatsphäre, Hardware, NSA/Kryptographie, PDF-Tricksereien, Personal Information Management (PIM), Spiele, Textsatz, professionelles (Video-)Bloggen, und so weiter. Ein recht bunter Reigen also.

Wenn man sich die Programme der letzten Jahre so anschaut, dann findet man kaum noch wirklich "reine" Linux-Vorträge. Im engeren Sinn von "Linux" gar nichts.

Argumentationen

Was sind nun die gängigen Argumente für das Beibehalten?

Argument eins: Die GLT sind mit dem Namen bereits in der "Szene" bekannt und das soll so bleiben.

Ja, das ist absolut korrekt. Jedoch bin ich der Meinung, dass diese Bekanntheit auch ein Argument dafür sein kann, dass die GLT einen Markenwechsel gerade deswegen wunderbar verkraften.

Im Gegenzug kann man mit einem passenderen Namen ganz neue Besucher ansprechen. Diejenigen, die sich bislang nicht auf den GLT getummelt haben. Gerade hier ist uns allen wohl bewusst, dass man immer "nur" die "selben" Leute trifft. Das ist einerseits gut so, weil es zeigt, dass die GLT konstant interessante Themen bringt. Auf der anderen Seite bedeutet es aber ebenso, dass wir nur mäßig erfolgreich sind, neue Interessierende anzusprechen.

Klar, wir haben die letzten Jahre ebenso bei den absoluten Besucherzahlen zugelegt. Doch großteils sind das trotzdem "nur" die selben Zielgruppen, die wir erreichen. Kaum wirklich neue.

Das finde ich schade, denn gerade ein langjähriges Projekt wie die GLT müssen sich von Zeit zu Zeit neu erfinden. Neue Themen bringen neue Leute und die Dauergäste bekommen ebenso frischen Input!

Was meiner Meinung nach der prägendste "Beweis" für die unpassende Namenswahl ist: selbst Leute aus der IT kommen nicht zum Event, weil sie nicht "so mit Linux was am Hut haben". Das höre ich immer wieder von so ziemlich jeden ITler, den ich auf die GLT anspreche.

Bei uns in der Firma arbeiten hunderte IT-lastige Leute, die großteils sogar täglich professionell mit Linux arbeiten. Die fühlen sich leider nicht im Geringsten angesprochen. Wenn von Infonova mehr als fünfzehn Leute zu den GLT finden, würde ich das schon als Erfolg werten. Ist das nicht zugleich traurig als auch alarmierend?

Bei den nicht IT-affinen Zielgruppen (Schüler, nicht TU-Studenten, Senioren und andere Otto Normal-Verbraucher) ist es naturgemäß viel schlimmer. "Da sind nur Freaks" ist die harmloseste Aussage, die man erwarten kann. Diese Leute fangen nicht mal zum Überlegen an, ob das Programm der GLT etwas für sie sein kann.

Dabei sehe ich einen Bildungsauftrag der GLT, hier zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der CryptoParty Graz und so weiter digitale Selbstverteidigung unter die Leute zu bringen. Wir verschenken hier massig wichtiges Potential!

Mit etwas Erklärung konnte ich bereits mehrere Leute zum Hinkommen und eine sogar zum Vortrageinreichen bringen!

Argument zwei: Die GLT sind Teil der Österreichischen Linuxwochen

Die Linuxwochen sind eine Dachorganisation, die diverse Events in Österreich koordinieren. Die einzelnen Events sind aber unabhängig voneinander. Und mit "Linuxwochen Linz", "Linuxwochen Eisenstadt" und "Linuxwochen Wien".

Ich persönlich sehe hier keine besondere Namens-"Verpflichtung". Im Vergleich dazu ist die Bezeichnung "Grazer Linuxtage" ohnehin schon eine andere.

Die Linuxwochen werden sicherlich auch zu den GLT stehen, wenn sie anders heißen - dessen bin ich mir sicher.

Argument drei: Wir wollen nicht mehr Besucher ansprechen

Durchaus ein gutes und überlegenswertes Argument, finde ich.

Die GLT organisieren sich ausschließlich über Freiwilligenarbeit. Keiner der Teammitglieder oder der Vortragenden verdient irgendein Geld mit den GLT. Die Einnahmen aus Sponsoring oder Verkauf von Dingen beim Event fließen zur Gänze wieder in das Budget von den GLT.

Daher ist es nur verständlich, wenn die Organisatoren versuchen, sich bei einem gewissen Punkt an Besuchern einzupendeln. Man kann mit Freiwilligenarbeit nicht grenzenlos skalieren.

Meiner Meinung nach wäre das ein starkes Argument.

Allerdings sehe ich diese Frage trotzdem unabhängig von der Diskussion um die Namensgebung. Auch ohne Skalierungswünsche kann man sich einen passenden Namen suchen.

Umsetzung

Sofern der geneigte Leser meinen Ausführungen gefolgt ist und sich mit einer Umbenennung halbwegs abfinden kann, gibt es zahlreiche neue Fragen zu beantworten.

Die GLT sind erwachsen genug, um einen Markenwechsel ordnungsgemäß über die Bühne zu bringen. Ich persönlich würde einen fließenden Übergang über mindestens drei Jahre vorschlagen.

Zuerst einmal kommt die wichtige Phase der Namensfindung. Bei einem kreativen Workshop (Was wollen wir erreichen? Wie soll es wirken? ...) können sich die Teammitglieder garantiert zu einem passenden Begriff einigen.

Danach folgt die Umsetzungsphase. Klarerweise muss dazu ein neues Corporate Design erstellt werden. In mehreren Schritten soll das aktuelle Gesicht mit Parallelphasen in ein neues Gesicht übergehen.

Ich war selber in einer Firma, die einen Wechsel des Firmennamens als auch des Logos innerhalb von drei Jahren zuwege gebracht hat. Ohne merkliche Reibungsverluste.

Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass die GLT den Wechsel brauchen und ihn erfolgreich umsetzen können.

Ich wäre gern aktiv mit dabei!

Schlussbemerkung

Der ursprüngliche Titel des Beitrages war "R.I.P. Linuxtage - Lang leben die Grazer Linuxtage!". Das haben viele Leute total falsch interpretiert, sodass ich mir einen harmlosen Namen überlegen musste.


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