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Murkraftwerk

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Warum ich gegen die Staustufe Puntigam bin:

In Graz wird gerade heftig geworben. Die Energie Steiermark AG und der Verbund will mitten im Grazer Stadtgebiet ein Staukraftwerk in der Mur errichten. Dazu sind umfangreiche Maßnahmen notwendig, die die Lebensqualität und das aussehen der Stadt langfristig beieinflussen.

Ich stehe dazu, dass wir mehr Kraftwerke benötigen werden. Ebenso bin ich aber auch der Meinung, dass nicht nur neue Kraftwerke notwendig sein müssen, sondern auch die Möglichkeiten der Energieverbrauchssenkung ausschöpfen soll. Weiters ist meiner Meinung nach zu beachten, dass Graz nicht bedeutend an Lebensqualität einbüßen darf, nur um Profit zu machen.

Diskussionsführung

Die Diskussion wird von heftigem Lobying von Seiten der Energiekonzerne und leider auch von Seiten der Stadt Graz geführt. Ein Dialog wurde bislang wenig gesucht oder gar unterbunden. So etwas macht mich recht stutzig. Einerseits formierte sich eine Gruppe unter dem Slogan und der Plattform »Rettet die Mur« und andererseits informiert die Stadt Graz und die privaten Energiekonzerne. Klarer Fall, dass auf beiden Seiten die Präsentation nicht immer wirklich gelungen ist. Wobei man natürlich immer im Hinterkopf behalten sollte, dass hinter dem Kraftwerk Profitdenken und Lobyisten stehen und hinter »Rettet die Mur« engagierte Freiwillige und leider durchaus auch eher realitätsferne Menschen.

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Eine Veranstaltung hat bislang hervorgestochen: die Mur-Enquete vom 25. Mai 2011. Leider konnte ich selber nicht anwesend sein. Gottseidank konnte man der Veranstaltung aber auch ein wenig im Nachhinein schriftlich über das Internet folgen. Die Möglichkeit, Fragen zu stellen, gab es vor Ort sowieso nicht. Stattdessen gab es Postkarten, auf denen man Fragen abgeben durfte. Diese wurden dann auf einer Webseite (derzeitiger Stand als PDF) großteils und nur nach und nach beantwortet. Viele Informationen hier beziehen sich auf die Aussagen der Experten von dieser Webseite.

Was mir ungut aufstößt ist, dass hier teilweise die falschen Leute als Experten geschickt wurden. Es klären sich Experten nicht zuständig über das Nachdenken über Alternativen oder über die Grundsatzentscheidung. Das sei im Rahmen von der noch stattzufindenden Umweltverträglichkeitsüberprüfung oder sonstwo.

Sofern das Kraftwerk mitten in Graz gebaut werden wird, ist eine Mitbestimmung der Stadt notwendig und wünschenswert. Doch bin ich der Meinung, dass vor der Ausarbeitung der Umsetzung die grundlegende Entscheidung gemeinsam mit der betroffenen Bevölkerung stattzufinden hat. Hier hat die Stadt Graz und die Konzerne bislang deutlich versagt.

Lebensqualität

Für alle Fans der »Murwellen«: die bei der Hauptbrücke soll angeblich nicht beeinträchtigt werden. Doch die der Radetzkybrücke fällt dem Bau zum Opfer. Angeblich wird dem Sportamt Graz und den Wassersportlern ein Ersatz entwickelt. Mal sehen.

Ich lebe mitten im betroffenen Gebiet, südlich des Augartens, ab dem für den Bau des Kraftwerkes die komplette existierende Vegetation abgeholzt werden muß.

Abgesehen von der jahrelangen Belästigung durch die Bauarbeiten hat das gewaltige negative Konsequenzen auf meine direkte Lebensqualität. Die hohen, alten Bäume sind nicht nur visuell ein bedeutend positiver Aspekt meiner Wohnung: sie dämmen den Industrielärm von der Industriezone direkt gegenüber am anderen Murufer, schotten mich gegen die Geruchsbelästigungen ab (Tierfuttererzeugung, Müllverarbeitung, ...) und sorgen für ein wenig Sauerstoff in einer Stadt mit extrem schlechten Luftwerten.

Beim Bau des Kraftwerkes muß ich mitansehen, wie diese grüne Lunge Graz abgeholzt werden muß. Zumindest viertausend Bäume müssen entfernt werden. Dafür wird versprochen, dass für zwei abgeholzte Bäume drei neue gepflanzt werden.

Ich halte das persönlich für einen Hohn. Nicht die Anzahl der Bäume sorgt für mein Wohlbefinden, sondern die Anzahl der Blätter dieser Bäume. Sie binden den Stickstoff und setzen ihn in Sauerstoff um. Sie filtern den Staub in der schlechten Luft. Sind die derzeitigen Bäume schätzungsweise 15 bis 20 Meter hoch, werden die Ersatzpflänzchen mit schätzungsweise drei Metern und zartem Bewuchs nicht einmal annähernd die selbe Funktion erfüllen. Sogar in einem noch besseren Planzungs-Verhältnis könnten die neuen, kleinen Bäume erst in einigen Jahrzehnten durch ihr natürliches Wachstum eine adequate Ablöse darstellen!

Daher meine ich, dass die gesamte Blattfläche eine deutlich aussagekräftigere Vergleichsgröße darstellt als die Milchmännchenrechnung mit der Anzahl. Und das kann man derzeit nicht sinnvoll künstlich ersetzen. Eine deutliche Verschlechterung ist hier also unausweichlich.

Nutzen

Das geplante Kraftwerk wird zwischen 0,4 Prozent (im Winter) bis maximal 1,4 Prozent (Mai) des Strombedarfs der Steiermark abdecken. Gemessen an den einschneidenen Maßnahmen von so vielen Menschen in Graz ist diese Relation lächerlich schlecht.

Eintausendfünfhundert Arbeitsplätze soll der Bau direkt und indirekt bringen. Doch das ist nur während der Bauphase. Danach sind insgesamt drei Arbeitsplätze für längere Zeit geschaffen. Ich denke, dass die meisten Würstelbuden in Graz mehr Arbeitsplätze schaffen.

Weder löst das Kraftwerk einen bedeutenden Anteil am Strombedarfaufkommen, noch bringt es nachhaltig Arbeitsplätze.

Alternativen

Bei der Mur-Enquete wurde eine Frage gestellt, die mich sehr nachdenklich gemacht hat und deren Wichtigkeit ich unterstreichen möchte:

»Warum investieren Sie die Baukosten von 87 Millionen Euro nicht in die Förderung der thermischen Gebäudesanierung und gewinnen damit drei Mal so viel Energie wie das Murkraftwerk produzieren soll und schaffen damit zwei bis drei Mal so viel Arbeitsplätze? P.S.: Die Zahlen stammen aus dem Lebensministerium/thermische Sanierung (Berlakovic/Mitterlehner 2009/2010)«

Es ist leider so, dass darunter die Antwort bislang so lautet:

»Derzeit liegt noch keine Antwort vor.«

Das ist ein Argument, das stichhaltig klingt und dem Kraftwerksbau nicht nur Ineffizienz, sondern auch Ineffektivität (in Realtion zur ausgegebenen Summe) bescheinigt.

Weiters wird bei den Mur-Enquete-Antworten immer wieder auf Simulationen verwiesen, wonach Kohlendioxyd durch das Statkraftwerk eingespart wird. Keine Frage, das Kraftwerk erzeugt Strom »grüner« als andere Kraftwerke. Aber ebenso kann man noch «grüner» Energie einsparen, in dem man die (zu) vielen Haushalte in Graz thermisch saniert, die derzeit noch sehr ineffizient mit Strom heizen!

Fragen in Richtung Förderung von (privaten) Solaranlagen wurden ebenfalls (noch) nicht beantwortet. Schade eigentlich.

Ebenfalls offen ist die Frage, weshalb denn nicht mit einer Volksbefragung die Bewohner ihre Meinung abgeben können. Wenn die tollen geplanten Anlagen einen so viel schöneren Ersatz bieten sollen, darf man doch die Antwort Bevölkerung nicht scheuen, oder?

Fazit

Das geplante Kraftwerk bringt uns nullkommairgendwas Prozent an Strom (bezogen auf die Steiermark), bringt ganze drei Arbeitsplätze und kostet ungefähr neunzig Millionen Euro.

Dafür verschwindet gut ein drittel des grünen Grazer Bandes, das Aussehen der Mur, wie sie derzeit durch Graz fließt, die Kleingartenanlagen und Spielplätze am Grünanger, die untere Murwelle, baubedingt die gesamte Flora und Fauna. Die Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima in Graz sind meiner Meinung nach nicht wirklich gesichert vorauszusehen. Meine persönliche Lebensqualität wird drastisch reduziert.

Ich denke, du kannst dir vorstellen, weshalb ich zu meiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Kraftwerksbau mitten in unserer Stadt komme.

Das beste Kraftwerk ist das, was man nicht bauen muß. Dieser Spruch gefällt mir sehr. Ich persönlich habe meinen Energieverbrauch durchaus um Einiges verringert, indem ich mir ein gutes Strommeßgerät besorgt habe und systematisch meine Verbraucher gemessen habe. Durch Hochrechnen der Betriebsstunden konnte ich mir ein Bild machen, wohin bei mir der Strom fließt. Daraus konnte ich einige Maßnahmen ableiten, die mir im Jahr etliche hundert Euro ersparen: kein stromfressender 24/7-Fileserver im Keller mehr, kein 500W-Scheinwerfer im Wohnzimmer, ... generell ein energiebewussterer Umgang.

Falls das Kraftwerk kommt, werde ich durchaus überlegen, zumindest die Wohnung, wenn nicht gar die Stadt zu wechseln. Nicht aus Trotz, sondern aus Notwendigkeit. Dabei mag ich Graz sehr. Bis jetzt halt.

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